Thieme Verlagsgruppe

„Wo will die Pflege stehen?“

Im Rahmen der diesjährigen DMEA beleuchtete Dr. Pia Wieteck in Ihrem Vortrag zur „Digitalisierung in der Pflegeprozessdokumentation“ die Notwendigkeit dieser und führte den Teilnehmerkreis von einer ersten Standortbestimmung bis hin zur Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen.
Allen voran warf sie die Frage auf: „wo will die Pflege zukünftig stehen?“

Frau Dr. Pia Wieteck gestaltete den Vortrag in ihrer Doppelfunktion als Abteilungsleitung der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei RECOM sowie als Vorstandsmitglied der Fachgesellschaft Profession Pflege e. V. und verknüpfte somit die wissenschaftlichen Erkenntnisse über elektronische Pflegeprozessdokumentation mit aktuellen berufspolitischen Themen. In ihrem Vortrag kritisierte Sie unter anderem die unreflektierten Aussagen von Akteuren im Gesundheitswesen bezüglich der „bürokratischen Aufwände“ im Kontext der Pflegeprozessdokumentation. Dabei werde aktuell die pflegefachliche Perspektive ausgeblendet, die mittlerweile einen deutlichen Mehrwert bietet, wie Studien belegen. Denn eine Pflegeprozessdokumentation biete eine adäquate Granulierung das Patienten-Outcomes und werde die Patientensicherheit positiv beeinflussen. Zudem sei die Pflegeprozessdokumentation ein nicht zu unterschätzender Faktor, ohne den sich der Mehrwert der Pflegearbeit nicht sichtbar machen lassen könne oder sich eine adäquate Pflegepersonalbesetzung und Pflegearbeit nach Evidenzkriterien durchsetzen lasse.

Was braucht man also für bestmögliche Patienten-Outcomes? Die Antwort darauf liege, so Wieteck, auf der Hand! Pflege benötigt eine adäquate Pflegeprozessdokumentation, die Assessments, Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen beinhalten, um im Pflegeteam den Pflegeprozess adäquat beurteilen, steuern und evaluieren zu können. Idealerweise werden die Elemente zur Pflegeprozessdokumentation elektronisch und in Form von Praxisleitlinien angeboten. Zudem sollten den Maßnahmenkonzepten Zeitwerte hinterlegt sein. Valide Zahlen und Daten als Vergleichswerte seien somit ebenso unerlässlich wie das fachgeleitete Arbeiten.

So sei auch in der neuen Prüfungsverordnung zur generalistischen Pflegeausbildung eine zentrale Anforderung, dem pflegediagnostischen Prozess gerecht zu werden und diesen in der zukünftigen praktischen Arbeit zu verankern.

Aus berufspolitischer Perspektive warf Wieteck wiederum die Frage auf, wie man den Mehrwert einer adäquaten Pflege sichtbar machen könne. Eine innerhalb ihres Vortrages aufgegriffene Umfrage von Scharfenberg aus 2016 belege interessante Erkenntnisse hierzu. So seien zentrale Gründe, warum Pflegende nicht mehr in ihrem Beruf tätig sein wollen die fehlende Wertschätzung, der Personalmangel, der ständige Zeitdruck, aber auch, und dies sei ein zentraler Punkt, dass vorhandenes Fachwissen nicht anerkannt werde! Der pflegerische Gestaltungsspielraum sei auf ein Minimum reduziert und weit entfernt von dem aktuellen pflegefachlichen Wissensstand. „Pflege braucht Raum, um evidenzbasiert arbeiten zu können, und das zum Wohle der Patienten“, plädierte die Referentin.

Konsequenz dieses Stimmungsbildes derer, die trotzdem ihrem Beruf treu bleiben, sei häufig der Zwang zur implizierten Rationierung. Hier läge demnach laut der Referentin die Krux: aufgrund der fehlenden aussagekräftigen Pflegeprozessdokumentation herrsche eine Blackbox vor, die nur über z. B. elektronische Dokumentation gelöst werden könne. Die Notwendigkeit dieser Digitalisierung sei zudem bei einer einrichtungsübergreifenden Kommunikation, Arbeit und dem einhergehenden Datenaustausch mehr als sichtbar. PDF-Dateien beispielsweise müssen nach wie vor von Pflegepersonen studiert werden, eine digitale Pflegeprozessdokumentation könne jedoch dafür sorgen, dass nahtlos weitergearbeitet werden kann und das ohne Informations- und Zeitverlust. Ein wirklicher Schritt zur „Entbürokratisierung“ ohne Informationsverluste und Qualitätseinbußen mit Folgen auf die Patientensicherheit, fasste Wieteck zusammen.

Hauptargumente für diese Art von Weiterentwicklung seien Standardisierung und semantische Interoperabilität, die auch im KHZG, im Genaueren im Fördertatbestand 3 „Digitale Pflege- & Behandlungsdokumentation“ eine zentrale Rolle spielen. Dies müsse unbedingt seitens des deutschen Krankenhausmarktes als Chance zu effizienten digitalen Prozessen verstanden werden, denn die Förderanträge können bundeslandabhängig nach wie vor gestellt werden.

Mehr zum KHZG & Fördertatbestand 3

Wie ist Ihre Meinung zur Ist-Situation? Bietet die Politik weitere Anreize auf dem Weg zur digitalen Pflegeprozessdokumentation?

Die Fachgesellschaft Profession Pflege e. V. veranstaltet am 16. Juni erstmals einen Fachdialog als offene Diskussionsrunde. Interessiert? Dann melden Sie sich kostenfrei an. Alle Informationen zur Veranstaltung finden Sie HIER.

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