Thieme Verlagsgruppe

5. Güte der ENP-Praxisleitlinien

Die pflegediagnosenbezogenen Behandlungspfade in ENP sind durch die induktive Entwicklung in Deutschland entstanden (Wieteck 2004, S. 27 ff.). Bis heute wird die Entwicklung von ENP durch die Anwender mitbeeinflusst. Anwender melden an das ENP-Entwicklerteam Anforderungen an die Abbildbarkeit von Pflegediagnosen und Pflegemaßnahmen. Diese Anforderungen aus der Pflegepraxis werden aufgenommen und als Entwicklungseingabe definiert. So wurde im Jahr 2010 im Rahmen der Abbildung von Kommunikationsbeeinträchtigungen bei demenzerkrankten Bewohnern, z. B. „unklare Sprache“, „Bedeutungsleere Sprache“ eingereicht. Nach der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Pflegenden vor Ort und einer ersten Literatursichtung wurde der Praxis-leitlinienpfad „Der Bewohner/Patient/Klient ist aufgrund einer Sprachstörung in der Kommunikation beeinträchtigt“ entwickelt. Nach positiver Bestätigung der Pflegenden vor Ort kommt es im nächsten Schritt zu einer vertieften Literaturarbeit und einem systematischen Abgleich mit möglichen konkurrierenden Pflegediagnosen.

Die Literaturabstützung der ENP-Praxisleitlinien bezieht internationale als auch nationale Fachliteratur und Studien mit ein. Diese fachliche Abstützung von ENP wurde in den letzten 5 Jahren massiv forciert und die Qualität der Praxisleitlinien dadurch deutlich verbessert. Jede ENP ist mit aktueller Fachliteratur abgeglichen, im Rahmen der Inhaltsvalidierungsdiskussion pflegediagnostischer Begriffe bezeichnet Woodtli 1988 dieses bereits als ein Zeichen von Inhaltsvalidierung.

Es existieren bisher acht Inhalts- und Kriteriumsvalidierungsarbeiten (Berger, 2010, Hardenacke, 2007, Helmbold, 2010a, 2010b, Schmitt, 2010, Wieteck, 2006b, 2006c, 2008), weitere, u.a. zum Themenkomplex der Schluckstörungen, sind gegenwärtig (Stand August 2014) in Bearbeitung. Im Rahmen der Kriteriumsvaliditätsprüfung von Berger wurden 1.931 narrative Pflegeprozessplanungsformulierungen mit ENP im Krankenhaus-Setting abgebildet. Die Formulierungen sind Examensarbeiten entnommen, die mit der Note 1–2 bewertet wurden. Insgesamt konnten 73 % der Formulierungen vollständig, 14 % der Formulierungen teilweise und 13 % der Formulierungen nicht abgebildet werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die Kriteriumsvaliditätsstudie von Schmitt 2010 im Bereich der neonatologischen Intensivpflege (Schmitt, 2010). Diese Arbeiten beziehen sich auf die komplette Praxisleitlinie (= Pflegediagnose, Kennzeichen, Ursachen, Pflegemaßnahmen). Auch die Literaturanalysen von Helmbold beziehen sich auf eine Praxisleitlinie in ihrer Gesamtheit (Helmbold, 2010a, 2010b). Am Beispiel der Pflegediagnosen zur Mangelernährung kann anhand der gefundenen Validitätseinschränkungen, die in der Studie von Hardenacke (2007) festgestellt wurden, die Bearbeitung und Weiterentwicklung der ENP-Diagnosen zur Mangelernährung nachvollzogen werden (Helmbold, 2010b).  

Einige Studien und Projekte zur Evaluierung von ENP wurden im Zusammenhang mit der praktischen Anwendung von ENP durchgeführt. So kommt Baltzer (2006) in einem breit angelegten Anwendungsprojekt im Krankenhaus zu den Schlüssen: „ENP-Formulierungen sind praxisnah und verständlich“ und „Mit ENP können die Prozesse der Pflege vollständig und nachvollziehbar abgebildet werden.“ (Baltzer et al., 2006, S. 9) Das Evaluationsprojekt des Kantons St. Gallen, durchgeführt in vier verschiedenen Kliniken des Kantons, hatte zum Ziel, die Fachsprache ENP für einen kantonalen Entscheid über eine Einführung zu testen. Vor diesem Hintergrund wurde ENP in verschiedenen Einrichtungen und Fachdisziplinen getestet. Siehe hierzu den Schlussbericht zur Konzeption und Pilotierung der Einführung von ENP an den Spitälern und Kliniken des Kantons St. Gallen (Kossaibati und Berthou 2006, S. 8 ff.). Im Rahmen des Evaluationsprojektes wurden durch die Pflegeexperten der jeweiligen Piloteinrichtungen die mit ENP dokumentierten Pflegeplanungen bezüglich der Kriterien „Überprüfbarkeit“, „Handlungsleitung“, „Pflegefachliche Relevanz“, „Eindeutigkeit“, „Verständlichkeit“ und „Vollständigkeit“ bewertet. „In mindestens 80 % der analysierten Pflegeplanungen erfüllten die dokumentierten Inhalte die Analysekriterien.“ (Kossaibati und Berthou 2006, S. 41)

In einer Interventionsstudie wurde untersucht, ob sich die Anwendung von ENP (damals noch „Textbausteine zur Pflegeprozessdokumentation“ genannt) in einer Software auf die Qualität der Pflegeprozessdokumentation in einer Altenpflegeeinrichtung auswirkt. Die frequenz- und valenzanalytischen Auswertungen zeigen deutlich positive Auswirkungen auf die Dokumentationsqualität (Wieteck, 2001). In einer weiteren Studie wurde untersucht, inwieweit die „tatsächlich durchgeführten Pflegemaßnahmen“ (erfasst durch Beobachter) mit den „dokumentierten Pflegeleistungen mittels ENP“ übereinstimmten. Insgesamt wurden in der multizentrisch deskriptiven Querschnittstudie mittels Paralleltest-Methode 1.068 Pflegemaßnahmenkodierungen bei 34 Patientenfällen bewertet. Die prozentuale Übereinstimmung der Raterergebnisse in den beiden Einrichtungen lag im Mittel bei 76 %. In der Studie bleibt jedoch die Frage offen, ob und inwiefern die 24 % nicht korrekter Kodierungen in Versäumnissen der Pflegepersonen oder fehlenden Items auf Pflegemaßnahmenseite in ENP begründet sind (Wieteck, 2007b). ENP-Datenauswertungen aus Kliniken, stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten wurden in zwei weiteren Studien veröffentlicht. Hier wurden ENP-Daten aus den Pflegeprozessdokumentationen bezogen auf unterschiedliche Fragestellungen genutzt (Haag, 2009b, Konrad, 2009, Wieteck, 2004a). In einem Fachaufsatz zeigt Wieteck auf, dass ENP in dem vorgestellten Beispiel die Granularität, d.h. die Eindeutigkeit, Feinkörnigkeit und Trennschärfe, besitzt, um z. B. die Auditfragestellungen des Expertenstandards Dekubitus aus der täglichen Pflegeprozessdokumentation auszuleiten (Wieteck, 2009). ENP wird ebenfalls im Kontext der Abbildbarkeit der Pflegeleistung innerhalb des DRG-Systems diskutiert (Bartholomeyczik, Haasenritter, & Wieteck, 2009). Darüber hinaus wurden Validierungsarbeiten bezüglich der Übersetzung von ENP ins Italienische, Englische und Französische durchgeführt. Hierfür bestehen u.a. eine Zusammenarbeit mit der Universität Collegio Provinciale IPASVI L‘Áquila sowie mehreren Kliniken in Luxemburg.

Die Stärke von ENP ist zum einen in der Granularität zu sehen, die den Dokumentationsanforderungen der Pflegenden im deutschsprachigen Bereich entspricht. Die Klassifikation ist im deutschsprachigen Kontext entwickelt worden und somit sind kulturelle Anpassungen nicht erforderlich. Ein internationaler Datenaustausch könnte über ein Mapping sichergestellt werden (Wieteck, 2007c). Ebenso können mit ENP Kriterien zur Anpassung der Anforderungen des MDS, die in der Grundsatzstellungnahme zum Pflegeprozess und zur Dokumentation (MDS Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e. V., 2005) gestellt sind, erfüllt werden.

ENP klassifiziert im Vergleich zu anderen präkombinatorischen Pflegeklassifikationssystemen Pflegediagnosen, Pflegeziele und Pflegemaßnahmen, die in einer horizontalen Struktur als Praxisleitlinie individuell zusammengeführt  werden und Pflegewissen als Entscheidungshilfe für Pflegende anbieten. Daher sind Vergleiche von Gütekriterien mit anderen Klassifikationssystemen schwierig. 

ENP Wissenschaftliche Hintergründe

ENP Forschung & Entwicklung
Buch Praxisleitlinien Pflege

Pia Wieteck
Praxisleitlinien Pflege

Planen und Dokumentieren auf Basis von Pflegediagnosen der Klassifikation ENP (inkl. Lernsoftware auf CD-ROM)

Buch Praxisleitlinien Altenpflege (4. Aufl.)

Pia Wieteck
Praxisleitlinien Altenpflege (4. Aufl.)

Planen, Formulieren, Dokumentieren mit ENP-Pflegediagnosen (inkl. Lernsoftware auf CD-ROM)

Buch ENP - European Nursing care Pathways

Pia Wieteck
ENP - European Nursing care Pathways

Standardisierte Pflegefachsprache zur Abbildung von pflegerischen Behandlungspfaden

Buch Effizienzoptimierung der stationären Pflege

Serge Haag
Effizienzoptimierung der stationären Pflege

Analyse von interventionsbezogenen Bedarfs- und Aufwandszeitwerten

Buch Kriteriumsvalidität von ENP®

Simon Berger
Kriteriumsvalidität von ENP

Abbildung von individuell formulierten Pflegeprozessplanungen mit der standardisierten Pflegefachsprache ENP®

Buch Pneumonieprophylaxe bei Krankenhauspatienten

Horst Konrad
Pneumonieprophylaxe bei Krankenhauspatienten

Analyse von Daten der Pflegeklassifikation ENP® in elektronischen Patientenakten

Buch Validierung von Pflegediagnosen der Pflegeklassifikation ENP®

Pia Wieteck
Validierung von Pflegediagnosen der Pflegeklassifikation ENP

Crossmappings von ENP® mit ICNP® und NANDA